So starb Stalin

Das Thema der Zeitgeschichte:

So starb Iosif Wissarionowitsch Stalin

Viele von uns, die damals in Heldsdorf lebten, erinnern sich noch genau an den Morgen des 5. März 1953. Gegen 9.00 Uhr setzte im difuzor (Lautsprecher, über den man Radio Bukarest den ganzen Tag per Draht ins Haus geliefert bekam und nur die Lautstärke regeln konnte) plötzlich Trauermusik ein. Kurz danach verkündete der Sprecher mit pathetischer Stimme den Tod des “großen und geliebten, genialen Führers der Menschheit” I. W. Stalin. Für alle kam die Meldung überraschend, denn nie wurde etwas über Stalins Gesundheitszustand veröffentlicht und über die Todesursache, wie damals üblich, wurde offiziell auch nichts verkündet.

In Rumänien, damals ein treuer Vasall der Sowjetunion, wurde sofort Staatstrauer angeordnet. Im Stillen freute man sich doch über den Tod und viele wünschten, er wäre zehn Jahre früher eingetreten. Natürlich durfte man dieses in der Öffentlichkeit nicht sagen. Trotzdem hatte sich ein Heldsdörfer im Bus auf der Heimfahrt von Kronstadt nach Heldsdorf  lautstark darüber geäußert, was ihm prompt einige Jahre Kerker einbrachte.

Wie schon erwähnt, wurden Stalins Todesumstände als Staatsgeheimnis eingestuft und dementsprechend unter Verschluss gehalten. Erst in jüngster Vergangenheit öffneten sich die Archive auch in diesem Bereich. Dieses machte sich die französische Journalistin Lilly Marcou zunutze und forschte danach. Das Ergebnis hat sie in ihrem Buch.  “ Stalin. Sein Privatleben” festgehalten. Ihre Schlussfolgerungen am Ende dieses Berichtes:

“Zunächst aber, wie starb der große Diktator, der die Europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts so entscheidend mitgeprägt hat? Sein richtiger georgischer Name war Dschugaschwili, den Namen Stalin (der Stählerne) legte er sich später zu.”

          • Anm. d. Red.
          • In der Nacht vom 27. zum 28. Februar 1953, nachdem er zum unzähligen Male Tschaikowskis Schwanensee im Moskauer Bolschoi Theater besucht hatte, kehrt Stalin in sein Büro zurück. Mit Berija, Malenkow, Chruschtschow und Bulganin sehen sie sich in seinem Appartement im Kreml noch einen Film an. Danach geht Stalin verspätet zu einem Empfangsessen, das sich bis gegen 4 Uhr früh hinauszieht. Nachdem die letzten Gäste gegangen sind, verkündet Stalin der Leibwache, dass er auch schlafen gehe.

            Der Lebensablauf des Diktators war bekannt und längst zur Legende geworden. Er ging gegen Morgen schlafen, um dann erst nachmittags aufzustehen.

            Gegen 18.00 Uhr am 1. März 1953 wird die Leibwache unruhig. Obwohl um diese Zeit Stalin längst wach sein müsste, ist aus seinem Schlafzimmer noch immer kein Geräusch wahrzunehmen. Niemand traut sich, ins Schlafzimmer zu treten, um nachzuschauen.

            Nach langen Zögerungen, erst gegen 22.00 Uhr, fasst der stellvertretende Intendant der Villa P. Losgatschew den Entschluss einzutreten und nachzuschauen, was geschehen ist.

            Ihm bot sich ein Bild des Grauens: Stalin lag neben dem Tisch am Boden, halb ausgestreckt auf den Ellenbogen gestützt. Er hatte das Bewusstsein nicht verloren, konnte aber nicht mehr sprechen. Wie lange wird er wohl in dieser Lage ausgeharrt haben? Tatsache ist, dass er das Opfer des unnatürlichen Verhaltens derer aus seiner Umgebung wurde. Dieses Verhalten wurde von ihm selbst auferlegt.

            Losgatschew begann wie ein Reisig zu zittern und konnte nur die sinnlose Frage stellen: “Was ist Ihnen passiert Genosse Stalin?” Dieser konnte kein Wort mehr hervorbringen und antwortete nur mit einem “s”. Am Teppich neben Stalin lagen die Prawda und seine Taschenuhr mit Kette. Am Tisch standen ein Glas und eine Flasche Mineralwasser.

            Hatte wohl Stalin die Krise, als er Richtung Tisch ging, um die Zeitung und das Glas zu holen, während er nach der Uhr sah? 

            Über das Telefon wurden Staronzin und Tukow sowie die Dienerin Matriona Butusowa gerufen. Erneut die stumpfsinnige Frage: “Genosse Stalin, wollen Sie auf das Sofa gehoben werden?” Durch eine kaum wahrnehmbare Kopfbewegung bejahte es dieser. Mit großer Anstrengung konnten sie ihn auf eine Liege heben. Erst jetzt gaben sie sich Rechenschaft darüber, dass dringend ein Arzt gerufen werden musste, insbesondere weil Stalin schon etliche Stunden in der beschriebenen Lage ausgeharrt hatte. Er gab ihnen noch zu verstehen, dass er friere.

            Nun begann ein unglaubliches Wirrwarr. Der Chef der Leibwache verständigte den KGB-Chef Ignatiew. Statt sofort zu handeln, verwies dieser ihn an Berija, der einzige, der eine Entscheidung verantworten konnte.

            Alleingelassen, schleppten die Leibwächter Stalin aus dem Esszimmer in ein Nebenzimmer, wo er oft geschlafen hatte. Es war ein kapitaler Fehler, einen Schlaganfall-Geschädigten zu bewegen!

            In der Verzweiflung appellierte der Chef der Leibwache an Malenkow. Dieser versprach zurückzurufen, wenn er Berija gesprochen habe. Nach einer halben Stunde rief Malenkow zurück, er habe Berija nicht gefunden und verweist die Leibwächter, Berija selbst zu suchen. Weitere wertvolle 40 Minuten verstrichen. Niemand fand Berija. Plötzlich läutete das Telefon. Am anderen Ende der Leitung war Berija. Dieser befahl knapp: “Niemandem etwas sagen, niemanden rufen!” Somit konnten die Leibwächter keinen Arzt rufen, der Einzige, der Stalin hätte retten können.

            Etwa 3.00 Uhr nachts hörte man ein Fahrzeug vorfahren. Nein! Es war nicht der Arzt, es waren Berija und Malenkow. Ohne sich Stalin zu nähern schlussfolgerte Berija, der Diktator habe nichts: “Er schläft nur und soll nicht gestört werden.” Vergeblich versuchten die Leibwächter klarzustellen, dass Stalin einen Schlaganfall hatte. Berija und Malenkow verließen den Salon. Unzufrieden wurde Staronzin von Berija gemustert, warum er so viele Leute alarmiert habe. Nachdem die beiden abgefahren waren, verblieben die Leibwächter weiterhin am Krankenbett. Es wurde 7.00 Uhr früh, kein Zeichen, kein Arzt.

            Um 7.30 Uhr erschien Chruschtschow. Er kam nicht mit einem Arzt, sondern kündigte nur an, dass ein Arzt kommen wird.

            Endlich am 2. März, zwischen 8.30 Uhr und 9.00 Uhr erscheinen an die 10 Ärzte aus dem Kreml. Alle sind Professoren und Akademiemitglieder. Doch es war zu spät: “12 – 16 Stunden sind verstrichen, in denen nichts unternommen wurde!” In einem Nebenraum wird eine andauernde ärztliche Beratung abgehalten. Sehr besorgt über den Ernst der Lage, mit überstürtzten Gesten, konnten die Ärzte Stalin das Hemd entfernen, um ihn zu untersuchen. Es musste mit der Schere zerschnitten werden. Die Diagnose war eindeutig: Hirnbluten. Die Hilfe kam zu spät, es konnte nicht mehr viel unternommen werden.

            Es wurden Spritzen mit Kampfer verabreicht und die Atmung mit Sauerstoff unterstützt. Danach wurden Elektrokardiogramme erstellt und die Lunge durchleuchtet. Konnte wohl eine Operation gewagt werden? Zu spät! Kein Chirurg würde dieses Risiko eingehen, insbesondere da Berija sie dauernd einschüchterte: “Sind sie sicher, das Leben von Genosse Stalin garantieren zu können?”

            Alle anwesenden Ärzte waren Berühmtheiten, aber keiner von ihnen hatte Stalin vorher behandelt. Sein ärztlicher Ordner wurde gesucht und die letzten Eintragungen des Akademiemitgliedes Winogradow gefunden. Dieser war der einzige Arzt, der über den Gesundheitszustand Stalins Bescheid wusste. Winogradow war aber in Haft und wurde zunächst nicht gefunden, sondern wurde erst später, leider zu spät, im Krankenhaus des Kreml entdeckt.

            Vom 2. bis 5. März 1953 lag Stalin in Agonie. Die Kunde von seiner Erkrankung war doch durchgedrungen. Die Telefone schrillten ununterbrochen. Zahlreiche Ärzte und Professoren boten ihre Hilfe an. Einige drängten sich sogar auf, mit der festen Überzeugung ihn retten zu können. Es kamen sogar Anrufe aus dem Ausland. Mit dem Verstreichen der Zeit verschlechterte sich auch der Zustand Stalins. Die Mitglieder des Politbüros hielten abwechselnd Wache an seiner Seite. Molotow und Mikojan wurden auch gerufen, obwohl sie nicht mehr der Führung angehörten.

            Von Zeit zu Zeit öffnete Stalin die Augen und machte Anstrengungen, die Lippen zu bewegen, obwohl niemand etwas verstehen konnte. Sobald er den geringsten Anschein von Klarheit bekundete, trat Berija sofort an ihn heran und küsste ihm die Hand.

            Am 5. März 1953 begann Stalins Puls nachzulassen. In diesem Augenblick trat Berija an ihn heran und sagte: “Sagen Sie uns etwas, Genosse Stalin. Das ganze Politbüro ist hier.” Woroschilow zog ihn am Ärmel und flüsterte: “Es wäre besser, wenn ihm jemand aus dem Hause zureden würde, denn die kennt er besser.”

            Istomina näherte sich Stalin, aber dieser durchlebte seine letzten Atemzüge. Istomina legte seinen Kopf auf Stalins Brust und begann zu heulen und zu jammern wie die Frauen aus dem Volk vor dem Tod.

            Es war am Morgen des 5. März 1953.

            Wie auch andere Historiker glaubt die französische Journalistin Lily Marcou, dass Stalins Tod auf einen Komplott zurückzuführen sei. Einige glauben sogar ganz einfach an Mord. Andere wieder behaupten, der Schlaganfall sei auf einen heftigen Konflikt mit der Gruppe, geführt von Kaganowitsch, zurückzuführen. Lilly Marcou bringt den Gedanken ins Spiel, es sei Totschlag durch Nichtgewährung von ärztlicher Hilfe gewesen. Berija hat alles daran gesetzt, einen rettenden Eingriff zu verzögern. Alle obigen Hypothesen sind möglich und auch gewagt.

            Eines ist aber ganz sicher: Totschlag durch unterlassener Hilfeleistung oder ganz einfach Mord, Stalin war das Opfer des eigenen Personenkultes. Wäre er nicht der verkörperte Gott, das Idol, die lebende Statue gewesen, sondern ein normaler Mensch oder zumindest der Führer eines demokratischen Staates, hätte er die Chance zum Überleben gehabt. Die Garde hätte es sich erlaubt, ohne zu zögern, einen Arzt zu rufen.

            Derjenige aber, der am Boden lag, war Stalin. Nur der Gedanke, dass der Sterbende ER, der Gott war, hatte alle gelähmt. So erklärt sich auch die Angst der Leibgarde ins Zimmer zu treten, obwohl sie wussten, dass etwas nicht in Ordnung war. Um einen Arzt zu rufen, war die Bewilligung von allerhöchster Ebene notwendig.

            Stalin war so gefürchtet, dass niemand sich eine ganz normale, menschliche Geste erlauben konnte. Diese Geste hätte ihn retten können.

             

                   Karl-Heinz Brenndörfer

             

            Quellennachweis: Dosarele ISTORIEI nr.4/1998