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Vor 140 Jahren: Gründung des Heldsdörfer Männerchores Druckausgabe im PDF Format von ADOBE ACROBAT In den Chroniken von Heldsdorf findet man meist nur die Mitteilung, dass der Lehrer Daniel Weprich 1865 einen Männergesangverein gegründet hat. In einem Schriftstück aus dem Nachlass von Dr. Hans Mooser habe ich einiges über die Umstände, unter denen dieser Gesangverein gegründet wurde in Erfahrung gebracht und wer war eigentlich dieser Daniel Weprich? Daniel Weprich wurde 1834 in Katzendorf geboren. Aus Kronstadt-Bartholomä wurde er 1860 als Lehrer nach Heldsdorf berufen. Weil er durch lebendigen Geist und musikalische Gabe hervorragte wurde er unter hohen Erwartungen aufgenommen. Er war ein großer schlanker Mann mit einer dunklen Künstlermähne, die er zeitweilig hastig über die Stirne warf. Seine dichterische Begabung fand den Niederschlag in Gedichte von Daniel Weprich, die er 1872 in zwei Heften bei Römer&Kamner in Kronstadt drucken ließ. Vom deutschen Idealismus unserer Klassiker beeinflusst, hatte Weprich wohl Ideale, die er mit Aufklärerei, Kampf gegen Pfäffentum und Hebung des armen Lehrerstandes versuchte umzusetzen. An Stelle des Gottesdienstes wollte er, jeder lästigen Formel froh entbunden, einen Naturdienst setzen, wie er damals auch andern Zeitgenossen vorstrebte. Weil er ideal gesinnt und begabter war als mancher Berufsgenosse, schätzte er sich hoch, zu hoch ein und die andern, mit denen und für die er arbeiten sollte, zu nieder, bei sich sah er nur Recht und Rechte, bei den anderen nur Unrecht und Pflichten. So musste es bei seiner hitzigen Natur zu Zusammenstößen kommen. Und sie kamen bald. Weprich war die Mädchenschule anvertraut. Mit Ruhe, Güte und Heiterkeit wäre sie leicht zu unterrichten gewesen. Bald aber ging es durch die Gemeinde, Weprich schlägt die Schülerinnen! Die Spuren der Hiebe sind sichtbar. Die Klagen häufen sich. Der Pfarrer Karl Riemer macht ihm wohlwollend Vorstellungen. Vergeblich! Die Eltern klagen nun auch beim Hannen Andreas Depner. Nach neuerlichen fruchtlosen Mahnungen des Pfarrers bringt dieser am 11. März 1860 die leidige Sache im Presbyterium vor, das Weprich in die Sitzung vorlädt. Auf des Pfarrers milde Vorstellungen erklärt dieser trotzig und fest, er habe nie ein Kind misshandelt und sei gebildet genug, um zu wissen, was ein Lehrer zu tun habe. Mit den Worten, man hätte ihn in der Altstadt lassen sollen, verlässt er die Sitzung. Statt der Besinnung folgt weitere Pflichtverletzung durch Nachlässigkeit im Unterricht, die Rügen des Schulinspektors zur Folge hat, ohne ihn jedoch zu beeindrucken. Nach der Prüfung 1865, da das Ergebnis wie in den vergangenen Jahren dem Lehrplan nicht genügte und die Rüge des Schulinspektors wirkungslos war, lässt ihm das Presbyterium aus der Sitzung vom 9./IV bedeuten, dass bei weiterer Vernachlässigung der Schule die unliebsamsten Maßnahmen gegen ihn ergriffen werden. Zugleich wurde ihm sein häufiges Zuspätkommen in der Kirche vorgehalten. Dazu kam es wegen einer Geringfügigkeit zu argem Ärgernis. Als jüngster Lehrer hatte Weprich damaligem Brauche gemäß, den niederen Küsterdienst wahrzunehmen, wozu auch die Sorge für den Altar und die Kirchenbehänge gehörte. Zwei Tauben waren durch ein nach einem Unwetter gebrochenem Kirchenfenster in die Kirche geflogen und hatten eine Woche lang auf dem Altar genistet. Weprich bemerkte den Taubenmist dort. Ein Wort an die Kirchenkehrerin und sie hätte ihn sofort weggeschafft. Da auch am zweiten Sonntag der Unrat nicht weggefegt war, erinnerte der Pfarrer, als sie aus der Kirche kamen, freundlich daran. Trotzig erklärte Weprich, das verbiete ihm sein Selbstgefühl. Mit derlei solle man ihn verschonen. Schon aus Achtung für diesen Ort, wendete der Pfarrer ein, hätte er es tun sollen. Seine Stellung würde dadurch gewiss nicht entwürdigt. Leidenschaftlich weist nun Weprich diese Zumutung, die dieser Zeit nicht entspreche, zurück. Als der Pfarrer am 18. November 1860 dieses dem Presbyterium vorträgt und darauf hinweist, dass Weprich auch sonst vielfach seinen Ungehorsam, seine Zanksucht, Grobheit und Nachlässigkeit bewiesen habe, wird er durch einen Presbyter in die Sitzung vorgeladen. Er lässt sagen, mit dem Presbyterium habe er nichts zu schaffen, den Pfarrer, der ihn beleidigt, werde er beim Dechanten verklagen. Darauf erhält er die schriftliche Mitteilung von seiner Amtsenthebung. Eine Woche darauf teilt der Pfarrer mit, Weprich habe bescheiden und unterwürfig vor ihm Abbitte getan. Er verzeihe ihm. Das Presbyterium will es auch tun, wenn Weprich auch vor ihm Abbitte leiste und eine schriftliche Erklärung gäbe, sich in Zukunft solcher Grobheiten und Dienstvernachlässigungen zu enthalten. Nun kommt Weprich in die Sitzung, tut Abbitte und unterschreibt die verlangte Erklärung. Das Presbyterium verzichtet auf Klage. Äußerlich hat Weprich klein beigegeben, innerlich war er von seinem Rechte überzeugt und der „Freiheit“ wollte er Bahn brechen. Nun sammelte er jüngere Männer und ältere Burschen um sich, steckte sie mit seiner Freiheitsidee an und schloss sie im Herbst 1865 zu einem Männergesangverein zusammen zur Pflege der Gesittung und Hebung des Gesanges. Die Lieder und die Proben gefielen den Sängern sehr und wenn sie an den Sonntagnachmittagen im Freien zur Sommerzeit sangen, strömte jung und alt zusammen um den Liedern zu lauschen. 1869 getraute sich dieser Verein sogar an das unerhörte Wagnis einer Aufführung in Kronstadt, die das Selbstbewusstsein der Sänger nicht wenig hob und sie enger an Weprich schloss. Hätte er sich mit der musikalischen Arbeit zufrieden gegeben, so hätte das ihm und der Gemeinde zur Förderung gereicht. Aber der Verein sollte ja eine Kampfgruppe für die Freiheit werden. So trieben sie in den Proben auch vieles anderes außer Gesang. Die Gemeindeverhältnisse wurden, wie Weprich sie sah, besprochen, Gedichte, die er gemacht, unter allgemeinem Beifall vorgelesen, Aufklärung betrieben, ein 1784 unter dem Titel Biographie aus der Bibel erschienenes Buch, welches das Ansehen der Heiligen Schrift herabsetzte und Ähnliches behandelt. Begreiflich. Dass das junge Volk für Weprich und seine Fortschrittslehre schwärmte. Am Tauftag eines seiner Kinder brachten sie ihm ein Ständchen. Dankend rief er ihnen aus dem Fenster zu: „Ihr müsst euch keck denen entgegenstellen, die etwas wider euch haben“. In der Schenke erklärte er in Weinlaune: „Ich halte von der Kirche nichts“. Auf einer Beerdigung fand er sich trunken ein. Als der Pfarrer all dieses am 11. Mai 1867 dem Presbyterium zur Kenntnis brachte, ersuchten sie ihn, dem Missetäter, einen derben Verweis zu geben und ihm zu bedeuten, dass bei nächster seinerseits gegebenen Veranlassung der Disziplinarweg beschritten werde. Das hinderte Weprich nicht, seinen Verein zu beeinflussen, in Gegensatz zum Brauch und der Anordnung des Pfarrers am dritten Pfingsttag 1867 statt der Heldsdörfer die Zeidner Musikanten zum Tanz aufspielen zu lassen. Das hinderte ihn nicht, den Vater eines verstorbenen Vereinsmitglieds anzuhalten, den Pfarrer zudringlichst zu bitten, dem Verein den ganzen Gesang während der Leichenfeier an Stelle der Lehrer, zu übertragen (damals sangen die Lehrer bei Beerdigungen). Die pfarramtliche Zuschrift, die dies Weprich in Erinnerung brachte, las er auf einer Hochzeit mit entsprechender Einleitung vor, warf sie auf den Boden und sprach: „Mir hat niemand etwas zu befehlen! Und wenn morgen wieder eine solche Leiche ist, werde ich das Presbyterium nicht erst um Erlaubnis bitten, sondern tun, was mir gefällt“. In der Schule setzt er seine Drescharbeit fort und erhält vom Schulinspektor deswegen eine ernste Rüge. Wenige Wochen darauf misshandelt er wieder zwei Schülerinnen. Gemeinde- und Kirchenleitung sind in begreiflicher Erregung. Das Presbyterium enthebt den Erreger am 21. Februar 1869 seines Amtes und setzt ihn eine Woche später ab. Zugleich wird die Kreisinspektion ersucht, jede Zusammenkunft des Männergesangsvereines auf so lange zu verbieten, als er nicht vom Ministerium genehmigt ist, damit Weprich nun „in seiner nun mehrigen Unabhängigkeit die Herzen der Jugend nicht noch mehr als bisher geschehen mit Trotz und Widerspenstigkeit, Frechheit und Unsittlichkeit vergifte.“ Milder als das Presbyterium urteilt das Landeskonsistorium, das auf den Verweis und Wiedereinsetzung des Abgesetzten erkennt. Dies Urteil erschien beim Bezirkskonsistorium unbegreiflich, darum hielt es es einstweilen zurück. Als das Presbyterium davon hörte, wurde es „tief gebeugt und mit schwerer Sorge erfüllt.“ Es bat das Landeskonsistorium am 27. Januar 1870, die Verlautbarung dieses Urteils aufzuschieben und dem Presbyterium nicht übel zu deuten, „wenn es alles aufbietet, um einen Menschen, der dem Unglauben, der Ungebundenheit, der Unmäßigkeit ergeben ist, von der einflussreichen Stellung eines Schullehrers fernzuhalten.“ Der größere Teil der Gemeinde und die Gemeindevertretung stand hinter dem Presbyterium. Viele Eltern, deren Mädchen Weprichs Schule zu besuchen hatten, erklärten schriftlich vor dem Gemeindeamt, ihre Kinder diesem Manne nicht anvertrauen zu können, welche Erklärungen dem Bezirkskonsistorium vorgelegt wurden. Das Presbyterium sandte den Hannen Andreas Depner, der als Mann der Ordnung in diesem Kampf mit aller Kraft voranging und den Wirtschafter Georg Ließ nach Hermannstadt. Sie legten dem Bischof und den dortigen Mitgliedern des Landeskonsistoriums die unhaltbare Lage vor. Mit neuen Klagen, mit dem Rate, den Prozess zu erneuern, kehrten sie heim, was auch sofort geschah. Weprich und sein Anhang aber freute sich nicht wenig. Damals mag er seine „Reminiszenzen eines Ausgebissenen, dem sie den Splitter aus dem Auge ziehen sollten, während sie des Balkens im eigenen Auge nicht gewahr wurden“ gedichtet zu haben. Da heißt es unter anderem:
„Tückisch, fühllos, ohne Gewissen, tretet ihr den Geist mit Füßen, allem Edlen sprecht ihr Hohn trotz eurer Religion. Schmerzhaft drum sind eure Bisse, teuflisch eure Judasküsse Doch das alles schreckt mich nicht, Kraft strahlt Gottes Sonnenlicht. Seit ich sprenge eure Banden, bin ich geistig neu erstanden, leichter atmet meine Brust, seit ich frei von eurer Wust. Zwar vielfache Sorgen, Grillen mir mein Vaterherz erfüllen, dafür bin ich frei von der Heuchelei. Nunmehr ist es meine Sache, frei zu nutzen meine Sprache, nunmehr liegt´s in meiner Hand, frei zu brauchen den Verstand.“
Er benutzte nun seine Freiheit zu einem Artikel in Nr. 79/1870 der Hermannstädter Zeitung, dem er das Urteil des Presbyteriums und Bezirkskonsistoriums von seinem Standpunkt aus einseitig darstellte. Darauf erwiderte das Presbyterium kurz und bündig, weist auf übergangene, schwer wiegende Tatsachen hin und kennzeichnet diesen Artikel als eine Schmähschrift. Übrigens dauerte Weprichs Triumph nur kurze Zeit. Im erneuerten Prozess setzte ihn das Landeskonsistorium endgültig ab. Bis zum 21. Dezember 1870 hatte er die Dienstwohnung zu räumen. Nun stand er mit Weib und Kindern brot- und obdachlos da. Seine Freunde halfen ihm. Doch da sie jung waren und nicht in vollem Besitz standen, konnte diese Hilfe nur bescheiden sein. Er selbst wollte sich helfen durch Errichtung einer Privatschule. In seiner Verzweiflung scheute er auch vor einer Sprengung der Gemeindeeinheit nicht zurück. Doch schon am 27. März 1871 sperrte die staatliche Bezirksbehörde diese Winkelschule. Nun beginnt Weprich mit seiner Frau eine Weißbäckerei, die für Heldsdorf damals kein Bedürfnis war. Dazu waren sie beide ungelernt in diesem Handwerk und seine Frau wenig beliebt. Sie war seine zweite Gattin, Rosina, geborene Wolff, geschiedene Maurer, mit der er sich am 10. September 1867, selbst 27 Jahre alt, als junger Witwer, in Weidenbach, der Heimat der Braut trauen ließ. Dass er eine Auswärtige nach Heldsdorf brachte, verstimmte bestimmte Kreise. Diese Kreise vergrößerte das unkluge Verhalten der Frau, die auf die damals so einfach gekleideten Heldsdörferinnen recht von oben herab sah. Aus ihrem Geburtsort, der damals im Oberlande den Ton in der ländlichen Mode wider die Tracht angab, brachte sie die Weidenbacher Hoffart nach Heldsdorf. Bis dahin trug nur die Frau Pfarrern Seide als Staatskleid. Diese Lehrerfrau brachte die Seidenschürze und manches andere auf. Nun zeigte sie ihren Unwillen handgreiflich. Dazu schrumpfte der Parteikreis ihres Mannes immer mehr zusammen. So fanden die Kipfel den erhofften Absatz nicht. Die Not wurde immer größer. Da trank die verzweifelte Frau das Glas Milch, in dem sie den Schwefel eines Päckchens Zündhölzchen aufgelöst hatte. Der Gemeindearzt Bartholomäus Tontsch rettete die Bedauernswerte, die nur arg krank wurde. Das Gerücht feierte in der Gemeinde wahre Orgien. Geholfen war damit dem Elend nicht. In dieser Lage gab 1872 Weprich seine im Lauf der Zeit gemachten und von seinen Freunden bejubelten Gedichte heraus. Da das erste Heftchen bald verkauft war, folgte bald darauf ein zweites und letztes. Geholfen war aber auch mit dem Erlös davon recht wenig.
Im ersten Heft besang er seine „Rose“, seine Frau, sein „einziges Kleinod“. „Rose! Wird zum letzten mal wohl mein Herz an dir sich weiden? Will dein süßer Himmelsstrahl vielleicht treulos von mir scheiden? Wird wohl eines Engels Hand, Holde, dich noch einmal retten? Oder musst du ganz verkannt, sterben in Despotenketten? Schwarze Sturmnacht zog um dich, des Verhängnisses Verderben, furchtbar drohend nahte sich, Unheil, Untergang und Sterben... Nun mein Herzensröschen, bleib meines Lebens Zufluchtsstätte, ach, vergehn mit Seel und Leib, müsst ich, wenn ich dich nicht hätte! Denn dein Duft allein verscheucht Unmutswolken, Trübsaldrang, wehe, wenn in mir erbleicht Freiheit, Liebe und Gesang.“ Die steigende Not erwürgte die „Freiheit“. Die Familie musste Heldsdorf verlassen. Und als sie 1875 die 5. Lehrerstelle besetzten, bewirbt sich Weprich aus Bacsfalu darum. Dort war er gelandet! Sie weisen ihn selbstverständlich ab. Und in der Gemeinde erzählte man, der Freiheitskämpfer und Pfaffenbekämpfer sei katholisch geworden, um an der kleinen katholischen Schule in den Siebendörfern eine armselige Stelle zu erhalten. Wohl innerlich gebrochen, mag er bis an sein Ende dort gelebt haben. Seine ichhafte Freiheit hat viel Unheil in der Gemeinde und Zwiespalt in den Familien angerichtet, am meisten aber ihm geschadet. Denn da er kein Verständnis für echten rechten sächsischen Gemeindewillen fand, an dessen Kräftigung und Läuterung als Lehrer er hatte mitarbeiten sollen, musste er daran mit seinem Lebensglück und mit dem Glücke seiner Familie zerschellen.
Anm.: Ob nun Daniel Weprich tatsächlich ein fortschrittlich gesinnter Mann war oder nur ein Querulant, der sich mit den Obern der Gemeinde angelegt hatte, kann heute nicht mehr ermessen werden. Tatsache ist, dass er musikalisch und künstlerisch begabt und die Jugend begeistern konnte. Er musste gehen aber der von ihm gegründete Männergesangverein ist geblieben. Die bei der Gründung herrschende Begeisterung hat sich über Jahrzehnte bis heute erhalten. Diese Begeisterung wurde im Laufe der Zeit von den jeweiligen Chorleitern immer wieder erneuert und gefördert. So erklärt es sich, dass mit kriegsbedingten Unterbrechungen, der Männerchor 140 Jahre Bestand hat. Aber auch der Name seines Gründers ist bekannt geblieben.
Karl-Heinz Brenndörfer
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